Die Geschichte des Grauen Bären

Wo die Bundesstraße 11 durch Kochel den Berg hinab in Richtung Kesselberg führt, liegt einem Gemälde gleich vor der mächtigen Kulisse des Herzogstandes direkt am Ufer des Kochelsees das Seehotel „Grauer Bär“. In diesen Tagen feiern die Besitzer, die Familie Sebald, das 100-jährige Jubiläum Ihres renommierten Hauses, das auf eine lange, ereignisreiche Geschichte zurückblicken kann.

Bereits 1805, genau 100 Jahre nach der Sendlinger Bauernschlacht, in der sich die geknechteten Bauern des Oberlandes gegen die österreichische Besatzungsmacht erhoben, erbaute Johann Braunhofer das erste Gebäude (in dem sich heute das Restaurant befindet) auf Gemeindegrund. Der Hausname "Kreidenhansl“ lässt den Schluss zu, dass es zur damaligen Zeit, anders als heute, um die Zahlungsmoral des Hausherrn schlecht bestellt war und er bei mehreren Gläubigern in der „Kreide“ stand

Aus der Schankwirtschaft entwickelte sich 1863 unter dem neuen Eigentümer, der Familie Fink, ein respektables Gasthaus. In dieser Zeit war aus dem einfachen Kochel ein „Bad Kochel“ geworden und viele Berühmtheiten erholten sich an den Ufern des Kochelsees. Zudem wurde 1897 die neue Kesselbergstraße durch seine Kgl. Hoheit, den Prinzregenten Luitpold von Bayern eingeweiht. Das zog viele Besucher nach Kochel  die wiederum Übernachtungsmöglichkeiten benötigten. In jene Zeit fiel auch die Eröffnung der Bahnlinie München – Kochel und damit begann die Blütezeit des Fremdenverkehrs in der Kochelseeregion.

Deshalb erwarb der Münchner Architekt Oscar Strelin das Anwesen und baute 1899 das große Hotelgebäude mit Schwimmbad  (mit getrennten Bereichen für Männer und Frauen) dazu. Der eigentliche Grund für dieses Bauvorhaben aber war, dem ungeliebten  Kontrahenten Prof. Rancher, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Wochenendhaus besaß, mit seinem Neubau die herrliche Sicht auf den Kochelsee zu versperren. Berühmte Maler wie Wassily Kandinsky, ein Begründer der Künstlergruppe „Blauer Reiter“, besuchten  das „Blaue Land“ am Kochelsee und nächtigten im „Grauen Bären“. Noch heute hängt ein Gemälde in der Moskauer Tetjakow – Galerie, auf dem der See, der Jochberg und der „Graue Bär“ festgehalten sind.

 

1905 begann eine neue Epoche für das Seehotel. Der Pasinger Hotelier Johann Sebald kaufte den gesamten Komplex und zog mit seiner Frau Katharina und seinen drei Kindern Hans, Georg und Wally an den Kochelsee. Das erste internationale Automobilrennen brachte dem "Grauen Bären“ sogleich hohe Gäste ins Haus und prachtvolle Maschinen in die Garagen. Bernd Rosemeyer, Hans Stuck, Rudolf Carraciola und viele andere Größen beherbergte der "Graue Bär".

Johann Sebald hatte schon damals große Pläne die heute noch vorhanden sind. Unter anderen der Abriss der bestehenden Gastwirtschaft und den kompletten Neubau mit Tennisplätzen und Kegelbahn. Dieses wurde aber leider niemals genehmigt.

1910 starb Ehefrau Katharina Sebald und während des I. Weltkrieges beide Söhne Hans und Georg. 1915 heiratete Johann Sebald Elise Bindel und 1919 wurden Sohn Hans und 1923 Tochter Elisabeth geboren.

1919 – 1924 während des Baues des Walchenseekraftwerkes wohnte die gesamte Bauleitung im Seehotel und zur Eröffnung logierte Paul von Hindenburg, der spätere Reichspräsident ebenfalls im "Grauen Bären“.

1934 starb Johann Sebald. Seine Frau übernahm mit starker Hand und eisernem Willen die Führung des Hotels. In den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg waren viele KdF Gesellschaften im Haus.

 

Dann begann der II. Weltkrieg, der tiefe Spuren auch in der Geschichte des Hauses hinterlassen sollte. Auf Beschluss des Reichsführers der SS wurde der "Graue Bär“ zur Einrichtung eines Durchgangslagers für Besserabien-Deutsche beschlagnahmt. Schon in den Jahren zuvor war das Haus Unterkunft für die Kinderlandverschickung der Volksdeutschen Mittelstelle. Hieraus resultierte wohl das Ergebnis der durch den Kreisleiter und den damaligen Bürgermeister vorgenommenen Besichtigung, die dem Haus laut Aufzeichnungen „einen grauenhaften baulichen Zustand“ bescheinigten. Ungeachtet dessen wurde es weiter als Durchgangslager genutzt. Ärger noch, das Hotel wurde trotz der Proteste und gerichtlichen Schritte der Eigentümer fast gänzlich enteignet und der Familie jegliche wirtschaftliche Tätigkeit untersagt. Schriftliche Aufzeichnungen besagen, dass am 18.11.1943 ein Dr. Graf aus Berlin das Hotel als Wohnstätte für die Herrn der „Wasserbau – Versuchsanstalt“ konfiszierte, die im Dezember 1943 aus Berlin anreisen sollten.  Dr. Graf handelte im Auftrag des Reichsministers Speer, dessen Pläne „kriegsentscheidend und von höchster Dringlichkeitsstufe“ seien. Die "Herren aus Berlin“ hatten es sich jedoch anders überlegt, denn es traf niemand ein, und so bestand das Durchgangslager bis zum Ende des Krieges.

Als die Geisel der Menschheit 1945 endlich vorüber war und im Mai die amerikanischen Truppen Kochel besetzten, wurden im Grauen Bären das „Rest Center der 9th. Infanty Division“ unter dem 1st. Lt. Cavallary eingerichtet. Schriftlich belegt ist, dass sich die Amerikaner unzählige Bierkrüge ( beer mugs) sowie die komplette Gartenbestuhlung ausliehen. Diese Ausstattung fand jedoch nie den Weg zurück zu Ihrem Eigentümer.

Eine kuriose Begebenheit aus dieser Zeit erzählt man sich heute noch: Elise Sebald, die damals das Zepter führte, hatte vor der ganzen Bedrängnis des Krieges in weiser Voraussicht das wertvolle Silber sowie lebensnotwendige Nahrungsmittel in Konserven in der Nähe des Hauses vergraben. Unter den amerikanischen Soldaten befanden sich leidenschaftliche Angler, die die Gunst der Stunde nutzten und im Kochelsee nach drallen Fischen angeln wollten. Die dafür notwendigen Köder hofften sie bei Grabungen um das Haus herum zu finden.

Frau Sebald, in heller Angst um ihre unter Tage verborgenen Schätze, riet ihnen, ihr Glück lieber im oberhalb gelegenen Wald zu versuchen, denn dort gäbe es besonders „fette Würmer“. Ob die Soldaten dort fündig wurden, weiß man nicht. Die Vorräte jedoch waren gerettet.

Ab Oktober 1945 fanden Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten im "Grauen Bären" eine Heimat. Das Leid dieser Menschen war unbeschreiblich und rührte jeden an, und man half so gut man konnte.

Noch vor dem Krieg verbrachte der junge Hans Sebald seine Lehrjahre als Koch und Konditor  bei Alfred Walterspiel, dem Besitzer des renommierten  Hotel Vier Jahreszeiten  in München. Nach der Kriegsgefangenschaft  heiratete er 1947 Rosa Konigsbauer.

Die Zeiten besserten sich, nach und nach wurden Unterkünfte für die Heimatlosen gebaut und das Hotel konnte langsam wieder seiner Bestimmung übergeben werden. 1949 wurde der damals noch sehr provisorische Hotelbetrieb abermals aufgenommen und 1960, als alle Flüchtlinge außerhalb des Hotels wieder ein Dach über den Kopf hatten, konnte die Arbeit von neuem uneingeschränkt fortgeführt werden.

1959 starb Elise Sebald. Danach übernahmen Hans und Elisabeth Sebald die Leitung des Hotels. Kontinuierlich wurde das Haus renoviert und erweitert. 1994 konnten im Mittelbau zwischen Nebenhaus und Hotel weitere geräumige Ferienwohnungen mit Terrasse bzw. Balkon hinzugebaut werden. In diesen Jahren erfolgte auch im Restaurant die komplette Renovierung des ehemals "Kleinen Saals“, der noch aus den 60er Jahren stammte, danach fasste man die Rezeption und das Restaurant ins Auge.

Nach dem Tod von Hans Sebald 1982 stand Elisabeth Sebald dem Hause vor. Ihre Verdienste um den Grauen Bären sind besonders hervorzuheben, Sie war die Seele des Hauses, eine Wirtin des alten Schlages und hatte immer für alle ein offenes Ohr. Das Hotel war ihr Lebenswerk. Sie verstarb 1997.

Das Leben ging weiter. Nun nahmen Hans und Peter, die Söhne von Hans und Rosa Sebald die Leitung in die Hand.

Mit dem 2003 neu angebauten Wintergarten direkt am See und dem Wellnessbereich konnte sich die Familie Sebald einen lang gehegten Traum erfüllten und die Gäste mit einer weiteren Annehmlichkeit erfreuen. Sie können nun auch im Winter entspannt in lauschig warmen Räumen den Blick auf das Alpenpanorama und den winterlichen Kochelsee auf sich wirken lassen und dabei  die anregende Atmosphäre von Sauna, Dampfbad oder Whirlpool genießen.

Das Seehotel „Grauer Bär“ ist damit ein "Zuckerl“ unter den Hotels in der Region und Garant für angenehme und schöne Tage der Erholung. Aber es liegen schon neue Pläne in der Schublade die auf ihre Verwirklichung warten.